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BlogDatum 27. April 2009
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Zum Verhältnis von Kirche und Staat

Heute war ich auf einer Diskussionsveranstaltung der Linzer VHS zum Thema UNZERTRENNLICH?
Zum Verhältnis von Kirche und Staat
. Anlass der Debatte war die im Herbst 2008 geführte Diskussion um Kreuze in Kindergärten der Stadt Linz, Ziel war sich über das Verhältnis von Kirche und Staat differenziert auseinanderzusetzen. Das ist meiner Meinung nach nur teilweise gelungen, allzuviel Zeit ging für Polemik mit alten Argumenten drauf - oder eher alten Meinungen. Denn: Was ohne Argumente geglaubt wird, kann auch mit Argumenten nicht wiederlegt werden. So schwanke die Diskussion hin und her zwischen differenzierten Beiträgen und oft gehörten Plattheiten.

Bezeichnend für solche Diskussionen ist auch, dass es keinen "neutralen" Standpunkt gibt. Selbst die Position von Univ.-Prof. Dr. Richard Potz vom Institut für Rechtsphilophie der Uni Wien, die eher eine "Mitte-Position" einnahm, ist zumindest mir deutlich geworden. Offenbar ist Religion doch etwas, was uns alle unbedingt angeht (Paul Tillich).

Trotzdem der Schwächen solcher populärer Diskussionen habe ich einige neue Aspekte erfahren, die ich hier festhalten möchte. Also einige ausgewählte angesprochene Themen, die für mich interessant waren:

  • Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber von der Katholisch-Theologischen Privatuniversität vertrat die Auffassung, dass es in unserer säkularisierten Gesellschaft um Lernfähigkeit geht: religiösen Bürger_innen, ja überhaupt die Kirchen, müssen noch einiges dazu lernen in Bezug auf die Anerkennung der Menschenrechte. Andererseits gilt es für säkulare Bürger_innen die Potentiale der Religionen für eine Humanisierung der Gesellschaft zu rezipieren (Habermas). Hier ist mir aufgefallen, dass diese Position, die ich im Laufe meines Theologie-Studiums auch immer mehr zu meiner eigenen gemacht habe, sehr schwer im Kontext einer Diskussionveranstaltung mit sehr gemischtem Publikum verständlich zu machen ist. Offenbar ist gerade die Rezeption philosophischer Positionen durch die Theologie so voraussetzungsvoll, dass sie als unverständlich und abstrakt bei manchen Menschen ankommt. Das bestätigt mich in meiner Auffassung, dass das Konzept von Habermas zwar in der Theorie sehr gut ist, aber in der Praxis immer Ideal bleibt. Scheinbar gilt das auch für seine Friedenspreisrede (PDF) und nicht nur seine Positionen zur kommunikativen Vernunft.
  • "Wir sprechen zuviel von Religion" sagte die Politikwissenschaftlerin Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger und begründete das mit einer Studie aus Kanada, aus der hervorging, dass Asylwerberinnen ihre Lebensmöglichkeiten und ihre rechtliche Absicherung viel wichtiger sind als ihre Religion. Die Politologin vertritt die Auffassung, dass das neu aufgeflammte Interesse an den Religionen in der Pluralisierung der Religionen durch Migration bedingt ist. Dem ist durchaus etwas abzugewinnen, allerdings stört mich der vorschnelle Schluss, dass wir deswegen generell zuviel von Religion sprechen. Ich halte es auch für problematisch, wenn Migrant_innen auf ihre religiöse Zugehörigkeit reduziert werden und der Islam als das Problem des Zusammenlebens von Migrant_innen und Mehrheitsösterreicher_innen gesehen wird - aber da wird mit einem sehr reduktionistischer Religionsbegriff operiert, der dem Gesamtthema der Diskussion - mit der Ausgangslage, dass in Österreich noch immer mehrheitlich Katholik_innen zu finden sind - nicht gerecht wird.
  • Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger hat auch hinterfragt, welche Rolle die Kirchen spielen in der Zurückdrängung des Sozialstaates. Sie anerkennt zwar die wichtige sozialpolitische Rolle z.B. der Caritas und Diakonie, allerdings ist zu fragen, so habe ich sie verstanden, ob die Übernahme von sozialen Dienstleistungen durch die Kirchen nicht auch dazu beiträgt, den Sozialstaat zurückzubauen. Das ist eine Frage, die ich bisher in dieser Deutlichlichkeit noch nie gehört habe - und die ich für interessant und relevant halt, gerade auch im Blick darauf, ob sich Betroffene selbst vertreten oder durch die Kirchen "vertreten werden".
  • Im Unterschied zu Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger vertrat die Theologin Doz.in Dr.in Silvia Habringer-Hagleitner die Meinung, dass wir zuwenig über plurale Religionen sprechen - auf einer existentiell bedeutsamen Ebene, biografisch begründet. Religion trägt zum Selbstwert, zur Selbstkritik und Selbstvergewisserung bei - und das ist auch der Maßstab an dem sich die Kirchen messen lassen müssen. Diese sind - eine sehr interessante Formulierung - in manchen Bereichen noch nicht zu sich selbst gekommen, weil noch immer ein deutlicher Abstand zwischen der jesuanischen Botschaft der Liebe und Gerechtigkeit und der offiziellen Praxis der Kirche (z.B. wenn es um Frauen geht) in manchen Bereichen zu finden ist.

Die letzte Überlegung von Doz.in Dr.in Silvia Habringer-Hagleitner ist vielleicht auch der Grund, warum solche Diskussionsveranstaltungen so schwierig sind, noch allzuoft wird Kirche identifiziert mit einer einer systemstablisierenden, mächtigen Institution, die sie aber in einer säkularen, pluralen Gesellschaft schon lange nicht mehr ist. Insofern meine ich, dass es Zeit wird, dass die Kirche wirklich ganz in der Zivilgesellschaft ankommt - damit die nächste Diskussionsveranstaltung in dieser Art vielleicht etwas mehr am Kern des Themas orientiert sein kann.

Was meinst ihr? Kennt ihr auch ähnliche Veranstaltungen? Wie wäre das Verhältnis von Kirche und Staat zu bestimmen? Was braucht es für eine Neubestimmung und Debatte im demokratischen Rahmen?


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